Hero of my Heart

Es ist nicht einfach, auf einer Charity des Bostoner Museum of Fine Art herumzustehen und so zu tun, als wäre ich die Ruhe selbst, denn innerlich stehe ich kurz vor der Explosion. Natürlich könnte ich einen Drink nehmen, um runterzukommen. Aber Hochprozentiges würde nicht nur meine Nerven beruhigen, es würde auch mein Hirn benebeln. Ein absolutes No Go am heutigen Abend. Schließlich mische ich mich nicht zum Vergnügen im Smoking unter die ganzen Wichtigtuer der Bostoner High Society. Ein Bierchen in Mike's Bar, dazu ein guter Burger, würden mir weitaus besser gefallen. Außerdem verpasse ich das Spiel der New England Patriots, was mich echt nervt. Dennoch bin ich hier. Und zwar nicht freiwillig, sondern, weil mein Kontaktmann mich herbestellt hat.
   Der Übergabeort ist schlau gewählt, strategisch durchdacht.
Das zweitgrößte Museum der Stadt verfügt über mehrere unbewachte Ausgänge, die innerhalb weniger Minuten von jedem Punkt des wuchtigen Ausstellungsraums erreicht werden können. Aber es gibt nur ein Eingangsportal an der Huntington Avenue, das am heutigen Abend nur mäßig bewacht wird. Das Gros der Security konzentriert sich auf die hochpreisigen Ausstellungsstücke, damit kein Gast auf die Idee kommt, sein Wohnzimmer mit moderner Kunst zu verschönern, die er nicht ordnungsgemäß bezahlt hat.
   Als ich einen Pfiff vom anderen Ende des Saals höre, schaue ich über die Schulter und erblicke Vincent Rodriguez, meinen Partner und heutigen Leidensgenossen, der sich geschickt durch die Gästeschar zu mir durchschlängelt.
»Wurde auch Zeit! 20:00 Uhr war ausgemacht«, lasse ich ihn nicht gerade freundlich wissen, kaum dass er vor mir zum Stehen kommt. Ich greife nach dem Glas Mineralwasser, das er mir reicht, und bedenke ihn mit einem Blick, der jeden Verdächtigen im Verhörraum in die Knie zwingen würde.
   »Sorry, Jay. Allison war nicht gerade begeistert, dass ich heute Abend beim Probedinner fehle.«
Mein Unmut verpufft. Eigentlich ist Vince' Verlobte die Sanftmut in Person, aber seit Vince Junior unterwegs ist, knallen die Hormone bei ihr durch. Dass Vincent ihr einen Antrag gemacht hat, und die beiden noch vor der Geburt heiraten werden, verschärft die Situation.
   Ich trinke einen Schluck. »Frauen und Männer sprechen eben eine andere Sprache.« Davon bin ich fest überzeugt. »Das ist auch der Grund, warum ich nicht heiraten werde.«
   Vince grinst. »Und ich dachte, du liebst die Abwechslung.«
   »Das auch.«
   Plötzlich wird Vince ernst. Professionell. Routiniert. Ganz der Detektiv einer Spezialeinheit, zu dem er ausgebildet wurde. »Genug Privates. Was gibt's Neues an der Front?«, fragt er beiläufig, um unsere Tarnung nicht auffliegen zu lassen.
   Allerdings kenne ich meinen Partner gut genug, um zu wissen, dass sein Verstand auf Hochtouren arbeitet. Er spricht von dem Betrugsfall, an dem wir zusammen arbeiten und der mich intensiver beschäftigt, als gut für mich ist. Grundsätzlich hänge ich mich an alle meine Fälle mit der Hartnäckigkeit eines Wadenbeißers. Dass ich diesen zu meinem Steckenpferd erklärt habe, liegt vermutlich in meinem Ehrgeiz begründet. Es ist immer wieder erstaunlich, wie abgebrüht manche Leute das Gesetz mit Füßen treten.
   Umso befriedigender, dass uns vor Kurzem ein richtig dicker Fisch ins Netz gegangen ist. Costa Urinoff, führender Kopf des Bostoner Untergrunds. Vermutlich reine Glückssache, dass die groß angelegte Razzia letzte Nacht so erfolgreich war und mein Team neben stichhaltigen Beweisen eine Liste mit den Namen sämtlicher Handlanger sicherstellen konnte. Trotz verschlüsselter Decknamen und den dazugehörigen Hintergrundinfos, wie Zielpersonen, Übergabeorten und Vorgehensweisen, konnte das Department binnen weniger Stunden sämtliche Arschlöcher in Boston und Umgebung festnehmen. Alle, bis auf eines.
   »Nichts. Der gnädige Herr lässt uns schmoren«, knurre ich. Ich trinke einen Schluck und knalle das Glas mit mehr Wucht als nötig auf den Stehtisch. »Der knackt Hunderte von verschlüsselten Bankdateien binnen Sekunden, als wäre es nichts! Wer ist der Typ, verdammt?«
   Mein Zorn steht gefährlich vorm Siedepunkt. Ich schiele zu meinem Partner, der mich nicht aus den Augen gelassen hat.
»Ich steigere mich da zu sehr rein, richtig?«
   Vince klopft mir beruhigend auf die Schulter. »Ruhig Blut, Amigo. Wir kriegen ihn.«
   »Worauf du dich verlassen kannst! Wenn Hector wüsste, wer sein Käufer tatsächlich ist, der eine halbe Million Dollar lockermachen will ...«
   »Was dann?«, hakt Vince nach, als ich mich plötzlich keinen Millimeter mehr bewege.
   Mein versteinerter Blick bleibt an einer Person hängen, die ich nie im Leben hier erwartet hätte. Um ein Haar hätte ich sie übersehen, denn sie geht mit ihrer kleinen Statur in der Menge fast unter. Doch dann schaut sie in meine Richtung, ohne mich wahrzunehmen, und mir gefriert das Blut in den Adern. Ihr Blick streift meinen, und für einen Moment sehe ich in die faszinierendsten braunen Augen, die mir jemals begegnet sind. Augen, die mich in meinen Träumen verfolgen. In meinen Albträumen.
   Summer Evans.
   Was zum Henker macht sie hier?
   Sechs Jahre sind vergangen, seit wir uns begegnet sind. Sechs Jahre, in denen mich das blasse Gesicht der von Kummer gezeichneten Studentin im Gerichtssaal verfolgt hat. Nach der Urteilsverkündung schlummerten so viel Hass, so viel Abscheu und bodentiefe Verzweiflung in den Tiefen ihres Blickes ... Ein Blick, der ganz allein mir galt: dem jungen, aufstrebenden Streifenpolizisten, der ihren alleinerziehenden Vater hinter Gitter gebracht hat.
   Sie hat sich verändert. Und wie!
Die Frau, die gerade die Ausstellungsfläche umrundet und mit sichtlichem Interesse jede einzelne Skulptur betrachtet, ist weder blass noch wirkt sie unsicher. Allein dieser bemerkenswerte Wandel ihrer Persönlichkeit ringt mir Bewunderung ab. Was mich aber regelrecht umhaut, ist etwas ganz anderes. Ihre Rundungen. Keine abgemagerte Size Zero. Nein - sexy, weibliche Formen, die von dem schwarzen, bodenlangen Abendkleid hervorragend zur Geltung gebracht werden.
   Trotz der kühlenden Klimaanlage steigt Hitze in mir auf, die sich spiralförmig in alle Gliedmaßen verteilt. Automatisch greife ich mit der freien Hand zum Hals, um meine Fliege zu lockern, während ich mich mit der anderen wie ein Betrunkener am Stehtisch festklammere.
   Was ist bloß in mich gefahren? Ich habe mich doch sonst besser im Griff!
   Ich weiß, niemand wird meinen inneren Aufruhr bemerken. Niemand, der mich nicht kennt. Mein skeptischer Blick huscht zu Vincent. Ihm kann ich natürlich nichts vormachen. Einmal mehr spüre ich die lauernde Neugier meines Freundes, der mich besser kennt als ich mich selbst.
   Was ist?, scheint mich sein Gesichtsausdruck zu fragen. Doch ganz Profi, perlt die Verwirrung an ihm ab, während er mit vorgetäuschter Gelassenheit auf meine Erklärung wartet.
   Verflucht! Warum gerade heute?
Was, wenn Summer Evans mich erkennt? Was, wenn die Spezialeinheit, die eigens für Momente wie diesen gegründet wurde, auffliegt? Von unseren zu Drahtseilen gespannten Nerven ganz zu schweigen. Nein, ich muss ihr zuvorkommen. Muss den ersten Schritt machen, bevor alles den Bach runtergeht.
   »Später, Vince. Stell keine Fragen, vertrau mir einfach.«
   Ich reiße den Mikrosender aus meinem Ohr und unterbreche damit die Verbindung zu meinem Team.
   Dann eile ich los.
   Die folgende Unterhaltung ist nur für vier Ohren bestimmt. Für meine und die von Summer Evans.

 

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© Autorin Lucia Vaughan