Full of Hope

Eigentlich bin ich ein friedliebender Mensch.
   Joy und Faith würden zwar das Gegenteil behaupten, aber auch nur, weil sie mich kennen, bevor ich die ausgeglichene Hope wurde. Die Hope, die mit sich im Reinen ist. Die, die keine Stühle gegen die Wand wirft, weil sie ihre Wut nicht zügeln kann. Die, die nicht ausrastet, weil niemand sie haben will.
   Aber Gordon Silver, CEO von SilverStar Entertainment, dem größten Fernsehsender San Franciscos, bringt mich gerade an einen Punkt, der meine Toleranzgrenze übersteigt. Mit dem kupferroten, dandyhaften Haarschnitt und den stechend grünen Augen inmitten eines scharf geschnittenen Gesichts ist er unbestreitbar attraktiv. Für manche Frauen ist er begehrenswert, weil er mit Ende dreißig etliche Millionen auf dem Konto hat, inklusive einer Luxusjacht vor der Küste Kaliforniens und mehr Einfluss als der Präsident der Vereinigten Staaten – in Medienkreisen zumindest. Mich reizt weder das eine noch das andere. Und ich lasse mich von seinem einstudierten Zahnpastalächeln auch nicht um den kleinen Finger wickeln. Ich umklammere die Armlehnen des Designerstuhls, um die Hände nicht zu Fäusten zu ballen, und zähle im Geiste bis fünf. Wir befinden uns auf seinem Terrain und wir sind nicht allein. Zwei weitere Augenpaare beobachten uns und eines davon jagt mir eine Gänsehaut über den Rücken, seit ich das Büro im sechzehnten Stock des McKesson Plaza Towers betreten habe.
   »Bei allem Respekt, Gordon, ich werde vor einer laufenden Fernsehkamera ganz sicher keinen Sex haben!«, empöre ich mich, wenn auch nicht ganz so vehement, wie ich gerne würde.
   Gordon seufzt übertrieben. »Sie nehmen das zu persönlich, Hope.« Er sieht mich an, als wäre ich zwölf und nicht sechsundzwanzig.
   »Mit jemandem zu schlafen ist persönlich.«
   »Neil Wyler ist nicht irgendjemand!«
   Nein, irgendjemand ist er bestimmt nicht. Verstohlen spähe ich nach rechts zur Fensterfront, wo Neil mit vor der Brust verschränkten Armen neben seinem Manager Scott Abbot steht und mich intensiv mustert. Seine große Statur scheint nur aus Muskeln zu bestehen. Sehnige Muskeln, die weder von der lässigen Bikerjacke noch von der abgewetzten Jeans verborgen werden können. Schwarzbraune Locken umrahmen seine gemeißelten Züge. Er ist schön wie ein Gott. Trotzdem funkelt eine Glut in seinen moosgrünen Augen, als wäre er der Teufel persönlich. Dass er noch kein Wort gesprochen hat, seit ich das Büro betreten habe, macht ihn nicht weniger einschüchternd.
   »Das mag schon sein, aber ich werde es dennoch nicht tun.« Mit vorgetäuschter Ruhe schlage ich ein Bein über und lege meine verschränkten Hände auf dem Knie ab.
   Gordon Silver lehnt sich in seinem ledernen Bürostuhl vor, stützt die Ellenbogen auf den ausladenden Mahagonischreibtisch und legt die gefalteten Hände an die gespitzten Lippen. »Sie mimen ein Liebespaar, Hope, und dazu gehören auch entsprechende Szenen, sonst kaufen die Zuschauer Ihnen die Nummer nicht ab. Die Show muss authentisch wirken, sonst können wir uns den Aufwand gleich sparen.«
   Mit achtundzwanzig Jahren hat Neil Wyler mehr Frauen in seinem Bett gehabt als Casanova persönlich. Die Liste der Extreme setzt sich fort: Partyexzesse, Schlägereien und Alkohol am Steuer. Kein Wunder, dass Diesel den Modelvertrag mit ihm kündigte. Neil Wyler und Ärger gehören quasi zusammen und kein Modelabel will sich eine tickende Zeitbombe in Form eines Newcomers ans Bein binden, wenn Millionen auf dem Spiel stehen. Bis SilverStar Entertainment ihm die Hauptrolle einer neuen Dramaserie anbot, unter der Bedingung, eine Einhundertachtzig-Grad-Wendung zu vollziehen. Ein Imagewechsel. Und SilverStar ist der Meinung, eine Realityshow, gekoppelt an einen Liebesurlaub, könnte helfen. Offenbar bin ich durch meine rührselige Vergangenheit genau die Richtige, um Scharen von Zuschauern vor den Bildschirm zu locken und Neil glaubhaft zu zähmen. Dafür, dass ich nicht vom Fach bin und noch nie geschauspielert habe, ist das Angebot ungemein lukrativ. Trotzdem gibt es Grenzen und die werde ich nicht überschreiten.
   »Moment!«, meldet sich Scott zu Wort. Er ist groß und schlank. Seine blassblauen Augen passen toll zu den aschblonden Haaren, dennoch kann sein gutes Aussehen Neil nicht das Wasser reichen. In grüblerischer Geste reibt er sein Kinn. »Wir wollen Neils Image aufbessern und das schaffen wir nicht, wenn wir Sexszenen zeigen. Außerdem erreichen wir deutlich mehr Zuschauer, wenn die Show jugendfrei wird, denn dann kann sie im Vorabendprogramm laufen.«
   Das klingt ziemlich vernünftig in meinen Ohren. Überhaupt wirkt Scott ziemlich vernünftig. Sein Vorschlag würde die Situation so weit entspannen, dass ich damit leben kann. Immer im Hinterkopf, durch die Gage meine Schulden tilgen zu könnten.
»Scott hat recht.« Es ist das erste Mal, dass ich Neil sprechen höre. Seine Stimme klingt dunkel und rau und sie passt zu dem Mann, der nur so strotzt vor Sex-Appeal, unterschwelliger Energie und ja, auch vor Aggressivität, die irgendwo unter der muskulösen, gebräunten Oberfläche schwelt. »Ein Imagewechsel muss grundlegend sein, aber niemand kauft mir den gezähmten Wolf ab.« Ein prüfender Blick zu mir. »Sie ist anders. Sie passt nicht zu mir.«
   Anders? Was soll das denn heißen? Und überhaupt klang das für mich ziemlich beleidigend.
   »Anders ist in diesem Fall genau richtig«, hält Scott dagegen. Er schenkt mir ein entschuldigendes Lächeln, was mich ein wenig beruhigt.
   Gordon tippt sich nachdenklich an die Unterlippe. »Wir brauchen zumindest anständige Kussszenen.«
   »Ich werde auch niemanden küssen, den ich nicht kenne!« Scott hat seine Absichten mit keinem Wort erwähnt, als er mir das Angebot machte. Die Rede war von einem Liebesurlaub und zartem Annähern. Ich bin wirklich nicht prüde, aber mir vor laufender Kamera von einem Fremden – zugegeben, einem verdammt heißen Fremden, die Zunge in den Hals stecken zu lassen – nein danke!
   Neils Brust wird sogar noch ein Stück breiter, als er sich von der Fensterbank abstößt und aufrichtet. Seine eindrucksvollen Augen brennen sich in meine. »Diese Show wird kein Kindergeburtstag, Schätzchen. Wenn du den Job willst, hältst du dich an die Vorgaben, und wenn ich dich küsse, küsst du mich zurück und du legst so viel Leidenschaft in diesen Kuss, dass ihn dir jeder abkauft, verstanden? Falls du ein Problem damit hast ...« Sein ausgestreckter Zeigefinger deutet zur Tür, sein Blick ist herausfordernd.
   Ich habe schon gehört, dass er knallhart ist, und ich verstehe es auch irgendwo, schließlich geht es um seine Zukunft. Aber ich mag es überhaupt nicht, von oben herab behandelt zu werden. Ich könnte aufstehen und gehen. Ich habe mich bislang zu nichts verpflichtet. Doch dann siegt die Vernunft in mir. Ich muss diese drei Wochen durchziehen und mein Bestes geben. Ich habe keine andere Wahl.
   »Also gut«, gebe ich zähneknirschend nach. »Kussszenen sind okay, aber kein Fummeln!«
Gordon verdreht genervt die Augen, während Scott einfach nur seufzt. Neil allerdings stößt sich vom Fensterbrett ab und kommt auf mich zu. Er ist groß. Größer als Scott, der bestimmt schon eins fünfundachtzig misst. Ich habe nicht vermutet, dass sich ein Mann seiner Größe derart raubtierhaft bewegen kann. Neil Wyler kann. Meine Nackenhaare stellen sich auf, als er dicht vor mir stehen bleibt. Er riecht verdammt gut nach einem frischen Aftershave. Nachdem er mich ein paar Sekunden stumm gemustert hat, wendet er sich an Gordon, und zwar mit einem abfälligen Zug um die sinnlichen Lippen.
   »Zu unverbraucht und zu unerfahren.«
   Was?
   »Und damit ist sie genau das, was wir suchen«, hält Scott dagegen, der sich jetzt ebenfalls in seiner dunkelblauen Chino-Hose und dem weißen Longsleeve in Bewegung setzt und mit etwas Abstand zu uns stehen bleibt. »Ein Imagewechsel, Neil! Das bedeutet, alte Muster aufbrechen.«
   Neil runzelt nachdenklich die Stirn, als würde ihm jetzt erst klar, was sein Manager von ihm verlangt. Dann wendet er in Zeitlupe den Kopf und beugt sich so weit vor, bis ich die dunklen Sprenkel im Grün seiner Iris deutlich erkennen kann. Oh Mann ...
   »Aufstehen«, befiehlt er und tritt dann ein Stück zurück, um mir Platz zu machen.

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© Autorin Lucia Vaughan