Joy of Love

To-do-Liste:

Reihenfolge darf variieren (ausgenommen sind Punkt 5 und 6).

1. Liebestöter gegen Dessous tauschen.
2. Über mich hinauswachsen.
3. Etwas Verrücktes tun.
4. Ms. Bloomfield die Meinung sagen (und hinterher dazu stehen).
5. Um den Verstand geküsst werden.
6. Einen sensationellen Orgasmus erleben (vorzugsweise mit dem Mann, der mich zuvor um den Verstand geküsst hat).
7. 88 Stufen in Dunkelheit erklimmen.


Jeder kommt früher oder später an einen Punkt, an dem er grübelt, ob das alles gewesen ist. Alles, was man sich von seinem Leben erträumt hat. Alles, was andere sich für einen erträumt haben. Alles, was an Potenzial in einem schlummert und nur freigelassen werden muss, um sich entfalten zu können. An diesem Punkt befinde ich mich nun.
 War das wirklich schon alles?
   Ich werde es herausfinden.
   Und ich werde es auf meine Art tun.
  Als gebranntes Kind kostete es mich bereits Überwindung, diese aberwitzige To-do-Liste überhaupt aufzustellen. Es war     Morgans Idee – das schon –, aber es war meine Entscheidung, mich darauf einzulassen und zwar, weil ich die Wunden meiner Vergangenheit endlich schließen will. Ich weiß, dass sie nicht gänzlich verschwinden, dafür sind die Verletzungen zu tief, aber Narben verblassen mit der Zeit und darauf spekuliere ich.
  Morgan meinte es gut, als sie uns in diesem Fitnesstempel anmeldete und unsere Namen auf die Liste des Kurses setzte, den ich am wenigsten in Erwägung gezogen hätte, um meinen untrainierten Körper in Form zu bringen. Ich nehme ihr die Entscheidung nicht übel. Morgan kennt nur einen Bruchteil dessen, was mich ausmacht. Sie kann nicht ahnen, was mich vor Jahren prägte, welche Erlebnisse Dunkelheit über meine Seele legten. Ich habe gelernt, gut zu schauspielern. Morgan kennt nur die Spitze des Eisbergs, folglich basiert ihr Handeln auf Halbwissen. Genau genommen, ist Kampfsport nicht verkehrt, um über sich hinauszuwachsen und somit Punkt zwei meiner Liste zu erfüllen. Dummerweise fühle ich mich so wohl wie das Kaninchen vor einem Rudel Schakale. Weibliche Schakale in hautengen Bodysuits, die so knapp geschnitten sind, dass sie auch nackt hätten herumlaufen können.
   »Oh … Oh, wow!«, haucht Morgan ehrfürchtig, während sie das Bündchen ihrer mausgrauen Jogginghose in Position ruckelt und dann das ausgewaschene XXL-Shirt über die rundliche Hüfte zieht. Neugierig folge ich ihrem Blick aus kugelrunden, braunen Augen zur Tür. Meine Lippen formen ein stummes Oh, als ich den riesenhaften Adonis entdecke, der dort lässig im Türrahmen lehnt. Er ist hot. Wirklich heiß und das liegt nicht nur an dem engen, weißen Muskelshirt, das über seiner breiten Brust spannt oder den muskulösen Beinen in der schmal geschnittenen, schwarzen Trainingshose. Es ist sein Gesicht, welches mich fasziniert und schuld daran ist, dass ich mich gleich bis auf die Knochen blamiere. Nämlich dann, wenn ich es nicht schaffe, meinen Kiefer zu schließen, und mir der Speichel schon aus dem Mundwinkel läuft. Er ist nicht schön im klassischen Sinne, dafür sind seine Züge zu hart und seine Nase einen Tick zu groß, aber seine Augen sind unglaublich! Blau wie kristallklare Seen – und seine gebräunte Haut unterstreicht den Effekt.
   »Wer ist das?«, zischt Morgan mir zu. Ich zucke nur mit den Schultern und schiebe die Ärmel meines eng geschnittenen Longsleeves bis zu den Ellbogen hoch, das – zum Glück – optisch keiner Vollkatastrophe entspricht. Wir haben June, einen braunhaarigen Engel mit dem schwarzen Gürtel in Aikido, erwartet. Die Sales-Managerin sagte, sie habe zwar das Organ eines Feldmarschalls, sei aber die ultimative Trainerin auf dem Gebiet.
»Caleb Bale.« Die Dunkelhaarige neben uns sieht uns verständnislos an. Morgan und ich tauschen fragende Blicke.
»Der neue Trainer, meine Damen. June ist schwanger und hat den Kurs abgegeben. Steht alles an der Infowand im Eingang.« Besagter Trainer sieht erst Morgan mit gewölbter Braue an, dann mich. »Klärt das eure Frage?«
»Nö«, sagt Morgan keck und bringt sich so in Pose, dass ihre üppige Oberweite selbst unter dem Schlabbershirt gut zur Geltung kommt. »Erzähl doch mal ein bisschen von dir.«
   Ich schließe kurz die Augen, verkneife mir aber ein Seufzen. Morgan nimmt kein Blatt vor den Mund, was nicht immer auf Gegenliebe stößt. Vor allem Männer fühlen sich von ihr häufig überrannt, was es nicht einfacher für sie macht, einen Partner zu finden.
   Unser neuer, scharfer Trainer allerdings verfügt über ein gesundes Selbstbewusstsein. Verschmitzt fährt er sich durch die militärisch kurzen, sandfarbenen Haare, während er sie weiterhin mustert. »Achtundzwanzig Jahre, Trainer A-Lizenz und schwarzer Gürtel in Aikido und Ju-Jutsu. Außerdem darauf spezialisiert, die Neugier meiner Kursteilnehmerinnen zu stillen.«
Morgan grinst jetzt ganz ungeniert. »Hast du eine feste Freundin?«
Himmel!
   Ich ramme ihr meinen Ellbogen in die Seite.
   »Aua!«, brummt sie und reibt sich den getroffenen Punkt.
   Ich lächle entschuldigend und sage zu Caleb: »Beachte sie gar nicht.«
   »Wen sollte ich denn stattdessen beachten?« Sein Blick nagelt mich fest und zwar mit einer Intensität, die Gluthitze durch meinen Körper jagt.
   »Nie… Niemand Bestimmtes.«
   »Schade«, sagt er gedehnt.
   Großer Gott – diese Augen! Dafür bräuchte er wirklich einen Waffenschein. Auch ohne einen Spiegel vor der Nase ist mir klar, dass meine Wangen wie Herdplatten glühen. Ebenso wie mir bewusst ist, dass wir von etlichen Augenpaaren beobachtet werden, die zu Frauen gehören, die jährlich vermutlich mehr Geld für die Erhaltung ihrer Schönheit ausgeben, als eine Durchschnittsfamilie zum Leben benötigt.
   Ich stoße die Luft aus, als Caleb seinen Blick von mir abwendet. Das Kribbeln auf meiner Haut bleibt, als er den Raum mit großen Schritten durchquert, und zwar mit einer Selbstsicherheit, als gehörte ihm der ganze Klub.
»Manche Tussis wissen einfach nicht, wo ihr Platz ist«, ätzt eine Rothaarige aus der ersten Reihe. »Außerdem – wer lesen kann, ist klar im Vorteil.«
   Die Frauen um sie herum kichern gestelzt. Als sie sich zu mir umdreht, werden ihre schwarz geschminkten Augen schmal und ihr blutroter Kussmund spitz. Alles klar. Wir werden schon mal keine Freunde werden. Wäre ich ein bisschen mehr wie meine Ziehschwester Faith, würde ich ihr Paroli bieten. Aber ich bin eben, wie ich bin, deshalb werde ich nur noch verlegener, statt den Mund aufzumachen. Es ist wie verhext: In einer Gruppe Menschen suchen sich die Zicken das vermeintlich schwächste Glied heraus, um Stärke zu demonstrieren, und leider bin meist ich dieses Glied.
   Seit Wochen kämpfe ich aktiv gegen meine Schüchternheit an und Morgan hilft mir dabei. Als alleinerziehende Mutter eines vierjährigen Wirbelwinds ist sie in Sachen Männer – Pardon in Sachen Männer daten – etwas aus der Übung, und obwohl sich ihr Problem von meinen himmelweit unterscheidet, deckt sich ein Wunsch zu einhundert Prozent: Wir möchten beide einen Partner, der uns nicht nur auf Händen trägt, sondern uns vor allem in den siebten Himmel katapultiert, und zwar mit phänomenalem Sex! Still grinse ich in mich hinein. Allein das Wort Sex zu denken, ohne mir zu wünschen, schamerfüllt im Erdboden zu versinken, beweist, dass ich auf dem besten Weg bin.
   »So ein Miststück«, zischt Morgan leise.
   »Deshalb wollte ich ein Nobel-Fitnesscenter wie dieses auch meiden.«
   »Miststücke hast du überall.«
   »Hier ist die Anzahl der Miststücke proportional zu den Mitgliedern aber enorm hoch.«
   »Aber es laufen auch die heißesten Typen rum«, feixt Morgan. »Schau dir nur mal unseren Trainer an!«
   Wo sie recht hat, hat sie recht. Nur spielt Caleb-Mr.-Sexgott-Bale in einer Liga, die mindestens zwei Nummern zu groß für mich ist, da mache ich mir wirklich keine Illusionen.
   Das Objekt meiner sündigen Gedanken stellt seine Tasche neben der Lautsprecherbox ab, fischt eine Plastikhülle aus dem Seitenfach und schiebt die CD in den Schlitz der Musikanlage. Kurz darauf lässt lauter Funk Rock den Fußboden unter meinen Nikes erbeben.
   »Wir beginnen mit den Übungen, die ihr für gewöhnlich nutzt, um euch aufzuwärmen«, sagt Caleb, der mit in die Hüfte gestemmten Armen vor uns steht und in die Runde blickt. »Ich möchte sehen, wie beweglich ihr seid, damit ich das Training anpassen kann.«
   »Ich zeige dir gerne, wie beweglich ich bin«, säuselt die Rothaarige laut. »Dafür brauchen wir nur ein wenig mehr Privatsphäre.« Ihr hochgebundener Pferdschwanz streift den Spaghettiträger ihres Tigertops, als sie den Kopf schräg legt. Die Mädchen um sie herum gackern wie aufgeschreckte Hühner.
   Caleb lacht nicht, wobei schwer zu sagen ist, was er denkt. Dafür ist seine Miene zu neutral. »Wie heißt du?«
   »Joana.« Sie klimpert mit den ellenlangen, falschen Wimpern. »Meinem Vater gehört der Klub.«
   Ein Muskel in Calebs sonst starrem Gesicht zuckt.
   »Joana«, sagt er, wobei er kaum die Stimme erheben muss, um die Musik zu übertönen. Mein Herz schlägt schneller, als ein Lächeln auf seinen schönen Zügen erscheint, welches allerdings Joana gilt, die er schlendernd erreicht. Sie legt den Kopf in den Nacken, als er zu ihr heruntersieht. »Ich bin hier, um euch Kampftechniken näherzubringen. Das ist mein Job, daher …« Sein Grinsen erlischt. »… solltest du vielleicht darüber nachdenken, ob du hier richtig bist. Wenn du etwas lernen willst, dann beweg dich.« Sein Kopf ruckt herum. »Das gilt für alle Anwesenden!« Er geht zurück auf seine Position.
   »Der Punkt geht an ihn«, feixe ich leise.
   Morgan nickt neben mir, zufrieden grinsend. »Ein Mann nach meinem Geschmack.«
   Das Lied wechselt und der Funk Rock geht in einen schnellen Rap über. Die Bässe sind eingehend, aber eindeutig nicht meine Musikrichtung.
   Ich schiele nach links. Die Hüften der Brünetten kreisen wild, als wollte sie mehrere Hula-Hoop-Reifen gleichzeitig in Schwung bringen. Morgan rollt mit den Augen und grinst. Ich kann nicht anders und grinse mit, verkneife mir aber ein lautes Lachen, das wäre wirklich unfair. Wenn ich erst beginne, meinen ungelenkigen Körper in Wallungen zu bringen, wird das kein schöner Anblick. Würde es auffallen, wenn ich mich heimlich verdrücke?
   »Gekniffen wird nicht«, bestimmt Morgan streng. Kann sie plötzlich Gedanken lesen? »Komm schon«, ermuntert sie mich. »Zeig mal den Latino-Hüftschwung von neulich. Weißt du noch? Als wir einen Drink zu viel hatten und du torkelnd zum Taxi gewankt bist.«
   »Morgan!«
   »Was denn?« Sie beginnt, auf der Stelle zu hüpfen wie ein Kaninchen auf Speed. »Das sah total heiß aus!«
   Meine Wangen werden rot, während ich mich verstohlen umschaue, ob jemand unser Gespräch belauscht. »Das war einfach nur peinlich«, zische ich in ihre Richtung.
   Morgan, die sich jetzt hüpfend um die eigene Achse dreht, zwinkert mir zu. »Wie dem auch sei. Es hat dir zumindest die Telefonnummer des indischen Taxifahrers eingebracht. Der fand dich echt drollig, insbesondere, weil du dich kaum noch artikulieren konntest und nur wirres Zeug gefaselt hast.« Sie kichert schrill. »Das nächste Mal flöße ich dir noch ein paar Drinks mehr ein und dann bringe ich dich dazu, die Bar im Hooters zu rocken.«
   Gott bewahre! Wenn sie die Hooters-Geschichte zum Besten gibt, zerre ich sie aus diesem Raum und lege sie übers Knie. So etwas habe ich noch nie getan, für Gewaltausbrüche bin ich einfach nicht der Typ, aber irgendwann ist immer das erste Mal.
   »Jetzt beweg dich endlich!«, kommandiert sie, während sie die Schultern kreisen lässt. »Die anderen gucken schon!«
   »Hm«, brumme ich. Morgan wird nicht lockerlassen, daher ergebe ich mich meinem Schicksal, stütze die Hände in die Seite und bewege meine Hüften von rechts nach links. Dummerweise macht die Brünette neben mir just in dem Moment einen Ausfallschritt. Wir kollidieren, ich komme ins Wanken und pralle gegen Morgan, die wiederrum auf nur einem Bein steht und eine Art Pirouette probiert. Mit einem gekreischten »Ahhh!« und wedelnden Armen kippt sie um. Zum Glück landet sie auf ihrem gut gepolsterten Hinterteil.
   »Joy!«, schimpfte sie und schiebt eine rabenschwarze Dreadlock hinters Ohr, die sich aus ihrem locker gebundenen Zopf gelöst hat.
   »Sorry!« Ich zucke mit den Schultern. Ich habe sie gewarnt, dass ich zwei linke Füße habe.
   Aus den Augenwinkeln sehe ich Joana mit gelifteter Braue auf uns zukommen. Super! Die hat mir gerade noch gefehlt!
   »Vielleicht solltet ihr euch einen Kurs suchen, der besser zu euch passt. Body Balance oder so.«
   »Wieso?« Morgan rappelt sich hoch und streicht nicht vorhandene Falten auf ihrem Shirt glatt, während ich verlegen auf meine Füße starre. Die Teilnehmerinnen um uns herum stoppen in ihren Bewegungen und fixieren uns neugierig. Perfekt. Dabei wollte ich es doch unbedingt vermeiden, im Mittelpunkt zu stehen.
   Joana wirft ihren Pferdeschwanz nach hinten. »Seht den Tatsachen ins Auge: Ihr seid für diesen Kurs nicht geeignet.«
   »Finde ich nicht«, kontert Morgan.
   Joana sieht demonstrativ zu mir, bevor sie wieder Morgan ansieht, die sofort in die Defensive geht. »Joy ist nur ein wenig aus der Übung. Das wird schon.«
   Joanas Braue wandert noch höher, als sie mich von Kopf bis Fuß mustert. Dann schüttelt sie den Kopf, als wäre ich ein aussichtsloser Fall. »Der Kurs ist übervoll, es gibt sogar eine Warteliste und wenn dann Trampeltiere talentierten    Teilnehmerinnen den Platz rauben, ist das reine Zeitverschwendung!«
   Ich zucke zusammen. »Wessen Zeit verschwende ich?«
   Joana sieht mich an, als könnte sie nicht glauben, dass ich so eine dämliche Frage stelle. »Calebs natürlich!«
   Ich schlucke. Der Boden unter meinen Füßen bekommt eine neue Bedeutung, als ich den Blick wieder senke. Ein Königreich für ein Loch zum Versinken.
   »Blödsinn!«, hält Morgan dagegen. »Das ist unser erstes Mal. Niemand erwartet, dass alles reibungslos läuft.«
   Joana kneift die Augen zusammen. »Das vielleicht nicht. Aber ein Funke Talent ist Grundvoraussetzung.« Sie sieht zu mir und wartet, bis ich den Kopf hebe. »Tu dir selbst einen Gefallen und verschwinde.«
   »Ich erinnere mich nicht, etwas von Gruppentratsch gesagt zu haben, die Damen!«
   Joana klappt den Mund zu. Meine Wangen wechseln von heiß zum Siedepunkt, als ich Caleb ansehe. Eine einzige Kopfbewegung und die Frauen huschen zurück auf ihre Plätze. Bis auf mich. Meine Füße sind wie festgefroren.
   Statt mich zu den anderen zu schicken, umschließt Caleb sanft meinen Arm und zieht mich mit sich. Morgan, deren Fingerspitzen gerade den Boden berühren, während ihr Po beim Aufstehen in die Luft ragt, blinzelt fragend unter einem Arm hindurch. Ich zucke nur mit den Achseln als Zeichen, dass ich ebenso ahnungslos bin wie sie. Vermutlich wird Caleb mir wie Joana sagen, wie ungeeignet ich für den Kurs bin, ist aber zu höflich, das vor versammelter Mannschaft zu tun.
Neben einem Podest, auf dem sich Yogamatten in den Klubfarben Mint und Weiß stapeln, bleibt Caleb stehen und lässt mich los.   Doch sein Blick fesselt mich. »Wie heißt du?«
   »Joy.«
   »Joy«, wiederholt er mit einem Unterton, als würde ihm das Wort auf der Zunge zergehen. Ich bekomme eine Gänsehaut.      »Gefällt dir die Musik nicht?«
   Mit der Frage habe ich nun wirklich nicht gerechnet.
   »Musik?« Mein Herz rast, als ich instinktiv einen Schritt zurücktrete und den Kopf in den Nacken lege, um ihn anzusehen. Er ist wirklich ein Riese.
   »Snoop Dogg? Nicht dein Ding?«
   »Was für ein Hund?«
   Er schmunzelt, aber nur kurz. »Der Name des Sängers.«
   »Oh!« Verlegen trete ich auf der Stelle. Erwähnte ich schon, dass ich mir ein Loch zum Versinken wünsche?
   Caleb sieht mich an, als wollte er mir tief in die Seele blicken, und mein Herz stolpert. Der Moment dehnt sich aus, bevor er mit leiser, tiefer Stimme fragt: »Warum bist du in diesem Kurs?«
   »Was?«
   Er deutet zu den Teilnehmerinnen. »Du wirkst, als würdest du dich kein bisschen wohlfühlen.«
   Ich sehe weg. Natürlich ist es ihm aufgefallen, was beweist, was ich eh schon vermutet habe: Er hat mich beobachtet. Grübelnd, wie ich mich am besten aus der Affäre ziehe, male ich eine schwarze Line auf dem Linoleum nach, die ein Sportschuh dort hinterlassen hat. Schließlich sehe ich wieder hoch und treffe eine Entscheidung. Warum soll er nicht wissen, dass ich mein Leben neu ordnen will? Er hat mich beobachtet, mit Sicherheit seine Schlüsse gezogen, und das nicht nur, weil sich mein Look von dem der anderen deutlich unterscheidet. Was immer er von mir hält, seine Mimik gibt es nicht preis. Vorsorglich blicke ich mich um, ob tatsächlich niemand lauscht, dann senke ich meine Stimme zu einem Flüstern, das gerade noch über den Beat zu hören ist. »Über sich hinauswachsen, ist eine Aufgabe auf meiner To-do-Liste. Ich will mich verändern, in vielerlei Hinsicht«, erkläre ich. »Das Problem ist allerdings: Das Sportlichste, was ich bislang zustande gebracht habe, ist, die Treppe im Haus meiner Schwester hoch und runter zu joggen.«
   Caleb reißt die Augen auf. »Bitte noch einmal langsam zum Mitschreiben.«
   Ich schüttle den Kopf. Ich habe schon genug gesagt, daher mache ich es kurz. »Ich brauche mehr Rückgrat und dieser Kurs soll dabei helfen.«
   »Hm«, macht Caleb und reibt sich das kantige Kinn. Unter dunklen Stoppeln schimmert gebräunte Haut. »Also liegt es nicht an fehlendem Interesse, sondern daran, dass du …«
   »Zwei linke Füße hast«, gestehe ich leise. Verlegen trete ich von einem Fuß auf den anderen. »Ich bin nicht der Typ, der gerne im Mittelpunkt steht. Zwischen den ganzen Grazien fühle ich mich wie eine Elefantenkuh im Porzellanladen.«
   »Verstehe«, sagt er. Als er jetzt wiederholt sein Kinn reibt, bedenkt er mich mit einem sensationell jungenhaften Lächeln, das meine Beine in Pudding verwandelt. Er beugt sich vor und sein frisches Aftershave benebelt meine Sinne genauso, wie seine bloße Anwesenheit meinen Verstand verwirrt. »Manchmal muss man ins kalte Wasser springen, um zu sehen, wo die eigenen Grenzen liegen. Risiken eingehen, selbst dann, wenn man sich blamieren könnte.«
   Ich schließe die Augen, um ihn den Schmerz nicht sehen zu lassen, der wie ein Pfeil durch mich schießt. Ohne es zu ahnen, hat er Worte gebraucht, die mich an die Hölle meiner Kindheit erinnern. Die Welt da draußen ist gefährlich, meine Kleine. Überall lauern Gefahren, die ein Mädchen ins Verderben reißen können. Wie oft meine Mutter mir diese Worte vorbetete, kann ich nicht sagen. Sehr oft. Ich habe irgendwann aufgehört, zu zählen. Ich drücke meine kurz geschnittenen Fingernägel in die Handflächen. Der Schmerz ist schneidend, aber er erdet mich auch und bringt mich zurück ins Jetzt. Ich werde mich nicht mehr von meiner Mutter beherrschen lassen. Nie wieder! Das habe ich mir geschworen.
   »Dann zeig es mir! Bring mich an meine Grenzen.«
   Caleb betrachtet mein vorgerecktes Kinn, dann wandert sein Blick aus diesen faszinierenden Augen höher, bis er in meine blickt, die ich abwartend zusammenkneife. Ob er beeindruckt ist, kann ich nicht sagen, dafür ist seine Miene zu neutral. Immer noch. Doch schließlich nickt er. »Also schön. Dann schubsen wir dich mal in die stürmische See.«
   Ich öffne meine geballten Fäuste und schüttle meine Hände aus, die sich schon taub anfühlen. »Heißt es nicht eigentlich ins kalte Wasser schmeißen?«
   »Wie auch immer.«
   »Also schön. Womit fangen wir an?«
   Plötzlich kann ich es kaum abwarten, meinen Körper zu Höchstleitungen anzutreiben.
   »Ich zeige dir eine simple Übung, mit der du deine Balance trainierst.«
   »Geht das auch ohne Musik?« Dieser Snoop Hund strapaziert echt meine Nerven.
   Caleb schmunzelt, als hätte er meine Gedanken erraten. Dann schüttelt er den Kopf. »Der Beat ist wichtig. Im Training benutzen wir diesen Takt, zu dem wir Tritte oder Faustschläge üben. Snoop Dogg ist perfekt dafür.«
Ich kräusle die Nase. »Diese Musikrichtung ist wirklich nicht meins.«
   »Was würde dir gefallen?«
   »Jazz?«
   Er lacht. »Nein.«
   Herrgott! Wo hat er gelernt, so sexy zu grinsen? Sollte er das tun, um mich aus der Fassung zu bringen, so hat er eindeutig Erfolg. Ich räuspere mich und sehe weg. »Was ist falsch an Jazz?«
   »Gar nichts. Jazz ist nur eben nichts, um seinen Körper auf die Art und Weise auf Touren zu bringen, wie wir es in diesem Kurs brauchen. Denkst du, du kannst Snoop Dogg eine Chance geben?«
   Habe ich eine Wahl?
   »Solange er mir hilft, den Schritten zu folgen …«
   »Es ist einfacher, als es aussieht. Pass auf.« Caleb macht einen Ausfallschritt, bevor er die linke Schulter dreht und seinen athletischen Körper mit angewinkelten Armen um die eigene Achse dreht. »Siehst du? Ganz einfach. Alles eine Sache der Technik.«
   Einfach? Lustig!
   »Ich bin so gelenkig wie eine Kuh auf Glatteis!«, sage ich trocken, weil es die Wahrheit ist.
Caleb hüstelt, aber es klingt eher wie ein verstecktes Lachen. Nachdem er tief durchgeatmet hat, sagt er: »Und ich bin hier, um das zu ändern. Mach einfach nach, was ich mache.« Erneut macht er den Ausfallschritt, aber ohne die folgende Drehbewegung. Abwartend betrachtet er mich. Ich seufze und setze meinen Fuß seitlich auf, allerdings sieht die Übung bei mir nicht annähernd so grazil aus wie bei Caleb.
   »Gar nicht schlecht. Jetzt schau über die rechte Schulter und verlagere dein Gewicht nach links. Stoß dich dann mit der Fußspitze ab und drehe dich.«
Sein Atem streift meinen Oberarm und mein Rückgrat prickelt. Ich konzentriere mich, folge der Anweisung, komme jedoch ins Wanken. Bevor ich fallen kann, spüre ich starke Hände auf meinen Hüften, die mich halten. Atemlos sehe ich zu Caleb auf.   »Danke.«
   »Keine Ursache«, flüstert er mir ins Ohr, bevor er mich loslässt. »Gleich noch einmal.«
Verstohlen blicke ich in die Runde, sehe kurz zu Morgan, die mich beobachtet und ihren Daumen jetzt steil in die Höhe reckt, bevor mein Blick an Joana hängen bleibt, die einen Spagat erster Güte hinlegt und dabei den Rücken in einem unnatürlichen Bogen nach hinten drückt. Trotzdem lässt sie uns – oder vielmehr mich – keine Sekunde aus den schmalen Augen. Ich sehe schnell weg.
   »Ich denke, ich übe besser alleine weiter.«
   Caleb beäugt mich misstrauisch. »Du bist noch nicht so weit!«
   »Ich bekomme das hin.«
   Er stutzt. »Wo liegt dein Problem?«
   Mit dem Daumen deute ich hinter mich. »Dort.«
   »Joana?«
   Er zieht mich weiter hinter die Matten, sodass wir weitgehend aus dem Sichtfeld der anderen verschwinden. Dann kommt er mir so nahe, dass kein Blatt mehr zwischen uns passt. Instinktiv will ich zurückweichen, aber Caleb greift um mich herum, sodass seine Hand auf meiner Hüfte mich daran hindert, auszuweichen. »Hier können wir ungestört reden«, sagt er.
Ich beiße mir auf die Unterlippe. »Ich will nicht, dass du meinetwegen Ärger bekommst.«
   »Warum sollte das passieren?«
   »Weil du dich nur einer Kursteilnehmerin widmest?«
   Der Ärger steht Joana jetzt wahrscheinlich auf die hohe, faltenfreie Stirn tätowiert.
   »Wem ich mich wie widme, entscheide ich selbst.«
   »Aber sie ist die Tochter des Chefs.«
   »Und?«
   Ich betrachte eine weitere Gummispur auf dem Boden. »Ich meine ja nur …«
   Er drückt meine Hüfte und ein Flattern setzt in meinem Unterleib ein, welches sich verstärkt, als er dunkel flüstert: »Es ist süß, dass du dich sorgst, aber unnötig. Ich kann sehr gut auf mich aufpassen.«
   Er verschränkt unsere Hände und zieht mich zurück in den Raum. »Konzentrier dich auf die Übung! Wir gehen jetzt einen Schritt weiter: eine Komplettdrehung um die eigene Achse.«
   Plötzlich liegen seine Hände wieder auf meinen Seiten. Dieses Mal prickeln die Stellen nicht, sie brennen förmlich, als er die Finger über meinen Hüftknochen spreizt und leichten Druck ausübt. »Ausfallschritt!«
   Ich gehorche. Noch bevor ich meine Arme anwinkeln kann, hat Caleb sich hinter mich gestellt und mich an sich gezogen. Durch sein Shirt spüre ich jeden Muskel seines Sixpacks an meinem Rücken. Die Hitze seines Körpers springt nicht nur auf mich über, sie verbrennt mich förmlich, aber ich weiche nicht aus, was eigentlich typisch für mich wäre. Stattdessen denke ich: Wie wäre es, mit den Fingerspitzen diese Wölbungen nachzufahren? Oder mit der Zunge? Ich stocke, dann schüttle ich mich innerlich, weil ich nicht begreife, was gerade passiert. Nicht, dass es nicht aufregend wäre, aber … solche Gedanken habe ich doch sonst nicht – zumindest nicht bei einem Fremden! Aber ich kann sie auch nicht abstellen.
   »Gemeinsam«, bestimmt Caleb. »Auf drei.«
   Etliche Augenpaare richten sich auf uns, aber meine Aufmerksamkeit gilt nur Caleb und seiner allumfassenden Präsenz. Die Musik hat gewechselt. Ich lächle. »David Guetta mag ich übrigens.« Irgendwie ist es mir wichtig, dass er das weiß und mich nicht für eine komplette Niete hält.
   »Versuchst du, dich vor der Übung zu drücken?«
   »Nein, ähm … ich wollte nur …«
   »Schon gut.«
   Ich sehe über die Schulter. »Ich will das hier wirklich. Das ist kein Spiel für mich.«
   Sein Druck auf meine Hüften wird sanfter, fast, als würde er sie liebkosen. »Dann wollen wir mal sehen, wie hoch dein Einsatz ist.« Sein warmer Atem kitzelt mein Ohr, als er »drei« flüstert. Seine Kraft ist enorm, als er mich leicht wie eine Feder herumwirbelt. Atemlos öffne ich die Augen, von denen ich nicht bemerkt habe, dass ich sie geschlossen habe.
   »Wow!« Ich blinzle ehrfürchtig. Habe ich mich tatsächlich um die eigene Achse gedreht und bin auf den Füßen geblieben?
   Caleb lässt meine Hüften los und tritt um mich herum. »Gut gemacht.«
   »Dank deiner Hilfe.«
   »Das warst du allein! Behalte dein Ziel vor Augen und entwickle mehr Selbstvertrauen.« Calebs Augen verdunkeln sich. »Gib nicht auf, okay? Wiederhol die Übung, bis du dich sicher fühlst. Nächste Woche treffen wir uns wieder und dann möchte ich die Drehung ohne meine Hilfe sehen.«

 

Druckversion Druckversion | Sitemap
© Autorin Lucia Vaughan